Eltern sein dagegen sehr

Als freie Journalistin und Mutter habe ich viele Bälle in der Luft. Zwei davon sind noch kleine rohe Eier. Ich will es nicht dramatisieren, weil es zum Leben gehört. Man hat einen Beruf und man wird Eltern. Ich rate aber davon ab, Kinderbetreuung und Job ganz alleine stemmen zu wollen. Das Rabenmutter-Gerede geht mir am Arsch vorbei. Für mich klappt es mit Organisation, Netzwerk und Nervenkraft.

„Augen auf beim Geschlechtsverkehr“, sagt meine Kollegin, wie ich Freelancerin und Mutter zweier Kinder, wenn der Amtsschimmel wieder wiehert. Das Geburtsdatum der Kinder hat es in sich, wenn es um Fristen, Förderungen, Bezüge, Meldepflichten, etc. geht. Das schreibe ich natürlich so, um euch in meinen Blogbeitrag zum Thema Elternschaft und Freelancertum zu locken. Mir ist klar, dass das Thema Kind & Beruf wahnsinnig ideologisch aufgeladen ist. Es funktioniert jedenfalls nicht so, wie auf Stockfotos suggeriert: Die perfekt frisierte, geschminkte und gedresste Mutter (nie der Vater) sitzt vor dem Laptop und hat ein ebenso adrettes Baby auf dem Schoß. So verfasst niemand eine Titelgeschichte oder eine vertiefende Analyse. Betrachtet den Beitrag als persönlichen Erfahrungsbericht mit allgemein beachtenswerten Punkten. Lasst euch nicht davon abhalten, Kinder zu bekommen, wenn ihr welche wollt. Das Leben ist lebensgefährlich und Kinder sind ein lohnendes Wagnis. Sie definieren Planbarkeit, Spielräume und Verantwortung einfach neu.

Punkt eins:

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“

Wer glaubt, alles alleine schaffen zu können, manövriert sich in die permanente Überforderung. Das gilt für alle Eltern, auch wenn sie nicht freiberuflich schreiben. Das „Dorf“ ist ein Netzwerk von engen Bezugspersonen. Das Kind kennt sie, mag sie und vertraut ihnen. Man ruft sie an, wenn es eng wird. An erster Stelle nenne ich mal den Vater bzw. PartnerIn. Im erweiterten Kreis besteht das Dorf aus Großeltern, Geschwistern, Freunden, Pate/Patin, Freundinnen, Tanten, Onkeln, NachbarInnen, BabysitterInnen, anderen Eltern aus Krippe, Volksschule, Kindergarten. Dabei gilt: Kinder sind keine Schachfiguren, die man überall abstellen kann, solange es regelkonform ist. Die Kinder entscheiden, ob das klappt. Es gibt Situationen, da muss immer die Mama ran. Ich gebe eine Garantie ab. Irgendwann wird es eng. Wer einen Beruf, ein Leben und Kinder hat, hat viele Bälle in der Luft. Ein Kind wird am Abend krank und am nächsten Morgen ist ein Interviewtermin mit drei Menschen vereinbart. Der Kindergarten sperrt bald zu und man hängt in einem Interview, dessen Beginn sich verspätet hat. Die Abgabe naht und einige ungestörte Stunden tun Not. Oder der Kindergarten ruft an und sagt, dass das Kind Fieber hat und gleich abgeholt werden muss. Mein Liebling: Mit Feuchtblattern (Windpocken) darf das Kind weder auf den Spielplatz noch in den Kindergarten (dauert schlappe 10 Tage). Ach ja: Schulferien, gibt es auch mehr, als man sich erinnern kann.

Punkt zwei:

Österreich hat ein gut ausgebautes Gesundheitssystem für Mutter und Kind.

Der Mutter-Kind Pass ist eine großartige Erfindung mit regelmäßigen Kontroll-Untersuchungen. Auch nicht schlecht für angehende Eltern: Die Hebammen-Sprechstunde. Ihr kann man auch die peinlichen Fragen stellen und über das Danach reden: Nach der Geburt, denn darüber wird zu wenig geredet. Die Untersuchungen im Rahmen des Mutter-Kind Pass (für die Schwangere und später für das Kind) müssen absolviert werden, um das Kinderbetreuungsgeld in voller Höhe zu beziehen.

Ich habe keine Handy-App benutzt, um Babytermine/ Untersuchungen/ Fristen etc. nicht zu versemmeln. Es gibt aber eine offizielle: Help4Baby.
In Bezug auf die Berufsausübung als Schwangere gilt: Auf sich aufpassen, auch weil Schwangere/Stillende kaum Medikamente nehmen dürfen. Mehr Luft für Pausen und Wege einplanen. Ich fand es immer gut, dass ich unbeobachtet war und meine Zeit frei einteilen konnte: Stützstrümpfe unterm Schreibtisch und Nickerchen zu Mittag.

Schwanger, nicht krank

Schwangerschaft ist (meistens) keine Krankheit. Kopfarbeiterinnen können den Beruf im Regelfall bis zur Geburt ausüben. Acht Wochen vor der Geburt beginnt offiziell der Mutterschutz. Rund um den errechneten Geburtstermin habe ich mir keine Deadlines aufgehalst bzw. KollegInnen für den Fall des Falles vorgewarnt und um Unterstützung gebeten. Auch Selbständige haben Anspruch auf Wochengeld im Mutterschutz (8 Wochen vor und nach der Geburt). Gestaltet ist das bei der SVA als Tagessatz von aktuell 53,96 Euro. Der Mutterschutz heißt Mutterschutz, weil es eine gewaltige körperliche Aufgabe ist, ein Kind zu bekommen, und man sich danach entsprechend erholen muss und soll. Ab der Geburt gibt es vom Finanzamt Familienbeihilfe. Die Regelungen zur Absetzbarkeit von Kinderbetreuung ändern sich wohl gerade. Immer nachsehen: Es gibt – nach Verdienst gestaffelt – Zuschüsse für Kindergarten/Schule/Essen/Ferienbetreuung, die man extra beantragen muss.

Punkt drei:

Das Kinderbetreuungsgeld bekommen auch Freiberufler, aber es wurde nicht für sie gestaltet.

Selbstständige haben Anspruch auf Kinderbetreuungsgeld, aber es ersetzt ein Einkommen nicht/nur auf Zeit. Ich habe es im ersten Lebensjahr des Kindes so gehandelt: Wenn es einen Job gab, den ich in dieser Spezialsituation erfüllen konnte, habe ich ihn gemacht. Ich bin mit Baby im Tragetuch zum Interview gekommen, ich habe Oma/Opa den Kinderwagen während eines Gesprächs durch den nächstgelegenen Park schieben lassen, ich habe während des Mittagsschlafs von Kind 1 getippt und Baby 2 mit Babysitterin und Wickeltasche im nächsten Lokal untergebracht … Ich bin mit dem Kinderwagen durch die Stadt getingelt, um einen Krippenplatz ab 12 Monaten zu ergattern. Die sind nicht so häufig, wie die ab drei Jahren. Das ist keine Heldensaga, sondern mein Weg. Hat Kraft gekostet, aber Freiberufler haben keine Karenz mit Rückkehrrecht.

Jedem sein KBG-Modell

Das bestdotierte Modell ist das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld (KBG) auf Basis des Letztbezugs – allerdings war mein Eindruck, dass ich mit einem schwankenden Einkommen da schlechter aussteige (es ist vor allem für Angestellte gut planbar). Obwohl ich es zweimal hinter mich gebracht habe, kann ich bis heute nicht erklären, wie das mit Wochengeld und Kinderbetreuungsgeld funktioniert. Es ändert sich auch immer wieder. (Broschüren hier https://www.bmfj.gv.at/familie/finanzielle-unterstuetzungen/kinderbetreuungsgeld-ab-1.3.2017/formulare-und-broschueren.html).

Ich empfehle einen Besuch im SVA-Service Center, wo es einen eigenen Baby-Schalter gibt. Man kommt schnell dran, kann Fragen stellen und bekommt viele Formulare. Ich hatte beide Male eine monatliche KBG-Pauschale mit fixer Zuverdienstgrenze (15 + 3 Monate und einmal 12 + 2 Monate, das Plus gibt es nur, wenn die Kinderbetreuung mit dem Partner geteilt wird).

Das Kinderbetreuungsgeld hat mich bis zum Krippeneinstieg gebracht. Der Einstieg erfolgt im Regelfall im Herbst. Anmeldung bereits im Frühjahr davor, aber wegen Wartelisten noch früher schauen/kümmern/anrufen.

Wenn das Kind nicht am Anfang des Kalenderjahres geboren ist, muss für die Zuverdienstgrenze eine Abgrenzung des Geschäftsjahres vorgelegt werden (Aufforderung dazu kommt ca. drei Jahre nach der Geburt). Die Zuverdienstgrenze ist ein Euro-Betrag, der noch um die SV-Beiträge vermindert werden muss (logisch, oder?). Das System wurde – wie erwähnt – eindeutig für Angestellte erfunden. Ich habe mir nie aussuchen können, wann eine Verlagsabrechnung eintrudelt, der Kontoeingang ist aber entscheidend. Und auch bei Honorarnoten wusste ich nie ganz genau, wann sie überwiesen werden. Gut ist, wenn man als Freiberufler die Abrechnung auf NACH dem KBG-Bezug verschieben kann. Wenn man zuviel verdient, muss man KBG (zumindest teilweise) zurückzahlen.

Punkt vier:

Es hat keinen Sinn zu verschweigen, dass man ein Kind hat.

Ich habe mir vorab überlegt, wie ich mit AuftraggeberInnen verbleiben will. Manche Jobs sind ausgelaufen, andere habe ich zu halten versucht. Es ist schwierig, vorab zu schätzen, wieviel man machen können wird (Schlafmangel, Krankheit, Fremdeln, you name it). Es kann phasenweise gut klappen und dann wieder schlecht. Ich habe vor Kind 1 fast jede Woche einen Text abgeliefert und deshalb gebeten, dass sich die Zeitung weitere AutorInnen für das Format sucht. Was gut geklappt hat, all die Jahre, waren fixe Rubriken in einem Magazin, das alle zwei Monate erscheint. Da wird es um den Redaktionsschluss auch hektisch, aber da muss dann „das Dorf“ ran, um einen frei zu schaufeln. Ich mache bevorzugt Vormittagstermine aus und drohe – im Scherz – meine Kinder mitzubringen, wenn nur Termine nach 16 Uhr vorgeschlagen werden. Es gibt die berechtigte Sorge, dass man als Schwangere / Mutter nicht mehr ernst genommen wird. Vom Informationsfluss abgeschnitten wird. Aber das ändert sich langsam. Es gibt auch Chefs/Chefinnen, die Eltern sind und sich auskennen mit der „Effizienzmaschine berufstätige Mutter“.

Dazu eine kleine Anekdote: Ein Auftraggeber ruft mich an, als ich gerade wie ein Ölfass auf zwei Beinen durch die Stadt schlurfe: Toller Auftrag, maßgeschneidert für mich, interessant, viel Geld. Ich bremse seinen Elan und frage nach der Deadline. Er nennt meinen errechneten Geburtstermin. Ich sage freundlich, dass ich das nicht schaffen werde, weil ich ein Kind bekomme. Er sagt: Wir können auch noch zehn Tage draufgeben. Ich sage, dass das mein Problem nicht löst, weil ich ein Kind bekomme. Er sagt: Wir sind da beim Redaktionsschluss flexibel, ein paar Tage auf oder ab ist kein Problem. Ich erkenne, dass er nicht weiß, wovon ich rede.

Auf der anderen Seite: Der andere langjährige Auftraggeber hat mir zur Geburt beider Kinder je ein Wäschepaket geschickt. Eine sehr nette Geste!

Punkt 5:

Effizienzfaktor Kind und Teilzeitfalle.

Die meisten Mütter berichten davon, dass sie mit Kind viel effizienter in der Arbeit wurden. Manche schaffen nach der Geburt in Teilzeit, was sie vorher in Vollzeit gemacht haben. Sie haben halt keine Zeit mehr für Kaffeepausen und Social Buzz. Ich arbeite auch nicht 40 Wochenstunden. Wenn ich einen ganzen Tag weg bin, eine Abendveranstaltung besuchen will oder nach 16 Uhr allein wohin will, muss ich das organisieren. Es ist einfach anders, wenn man weg muss, um ein Kind abzuholen. Das bedeutet, den Stift fallen zu lassen, denn die Betreuungseinrichtung sperrt zu.

Ich hatte bei Kind 1 ab 8 Monaten eine Babysitterin stundenweise, ich habe einsatzfähige Eltern in der gleichen Stadt, zwei Geschwister in der gleichen Stadt, inzwischen auch die Schwiegermutter in der Nähe, Kindergarten und Ganztagsschule, einen angestellten Mann, viele Handynummern anderer Eltern eingespeichert. Bei Kind 2 waren alle diese Strukturen schon aufgebaut. Das ist sicher eine gute Ausgangslage. Dennoch bin ich beruflich einige Zeit mit angezogener Handbremse gefahren. Den „Puffer für Katastrophen“ habe ich rausgenommen. Heute nehme ich alle Aufträge an, die ich in meiner Arbeitszeit schaffen kann. Und wenn etwas passiert, dann muss ich eben verhandeln und organisieren.

Ich habe nie eine echte Babypause gemacht, weil ich Angst um meinen Job hatte. Es hat sich bewährt: Für mich und für meine Kinder. Das Rabenmutter-Gerede geht mir am Arsch vorbei. Wie meine Pension aussehen wird, weiß ich nicht. Fakt ist, dass der Staat Österreich die „Aufzucht von Kindern“ mit 32 Euro pro Monat für die ersten vier Lebensjahre eines Kindes vergütet. Das ist also keine Option.

Ich habe meiner Freundin den Beitrag geschickt mit der Frage: Habe ich etwas vergessen? Sie schrieb: Es ist wichtig, Gleichgesinnte in ähnlicher Situation zu treffen und zu reden. Ich wusste es nicht, aber es freut mich sehr: „Das hat mir, ob du es mitbekommen hast oder nicht, oft das Seelchen heil gehalten. Nicht nur zu wissen, sondern zu sehen und zu spüren: Ich bin nicht allein. Und alles wird immer einfacher, mit jedem weiteren Lebensjahr der Kinder“. So ist es. Bildet Banden, knüpft Netzwerke, redet, tauscht euch aus. Das war auch die Grundidee der Freischreiber.

Mamas sind wie Rockstars: Sie machen die Nächte durch. Ihre Fans wollen zu ihnen ins Bett. Überall wo sie sind, begleitet sie lautes Geschrei. Verschwitzt? Frisur kaputt? Egal! The Show must go on!

Alle Mamas, die ich kenne, sind sehr gut organisiert und verdammt kreativ.

Die Ermächtigungs-Astrid

* Jahrgang 1977, seit 2006 freie Journalistin in Wien, Kind 1 *2010, Kind 2 *2014